Erfolgreich im Kampf für mehr Gerechtigkeit

First Sensor AG, Weißensee

Kommunikation über die nächsten
Schritte ist wichtig. Bei First Sensor
informierten die Aktiven auf unterschiedlichen
Wegen. Copyright: IG Metall

Bei der First Sensor AG am Standort Berlin-Weißensee bewegte sich was. Innerhalb kürzester Zeit organisierte sich die Belegschaft. Ihr Thema und gleichzeitig ihr Erfolg: mehr Gerechtigkeit durch mehr Geld. Am Standort, der von der IG Metall-Geschäftsstelle Berlin betreut wird, sind 177 Menschen beschäftigt.

First Sensor, einer der weltweit führenden Sensorikanbieter, ist Teil der bezirklichen Erschließungsprojekte des Bezirks Berlin- Brandenburg-Sachsen.

Seit Juli dieses Jahres gibt’s für viele Beschäftigte bei First Sensor mehr Geld. Tarifverhandlungen über ERA sollen nun folgen: Was ist da passiert?

Ingo Harms: Sehr geringe Gehälter mit bis zu 30 Prozent unter dem Tarif, jahrelang keine Lohnerhöhungen trotz guter wirtschaftlicher Lage. Das war die Ausgangslage. Hinzu kam, dass neu eingestellte Beschäftigte mehr Geld erhielten. Das wurde von der Belegschaft als ungerecht wahrgenommen, sodass dann im vergangenen Jahr der Stein ins Rollen kam.

Olga Wolfenberg: Wir übernehmen tolle, vielfältige Aufgaben, die Arbeit erfordert Flexibilität, aktives Mitdenken, es gibt einen guten Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft – das alles aber dann zum Niedriglohn. Das hat mit Wertschätzung wenig zu tun. Was niedrige Löhne, die jahrelang nicht steigen, für das Alter wirklich bedeuten, haben wir den Kolleginnen und Kollegen im vergangenen Jahr aufgezeigt: Einigen Kolleginnen und Kollegen drohte Altersarmut. Da war dann schnell klar: »Leute, wir müssen etwas tun, deshalb organisiert euch.«

Wie seid Ihr vorgegangen?

Ingo: Im letzten Jahr nutzten wir zusammen mit dem Aktivenkreis im Betrieb das Instrument Betriebsplan, um uns einen Überblick zu verschaffen und die nächsten Schritte zu besprechen. Außerdem führten wir ein Kommunikationstraining in der Geschäftsstelle Berlin mit mehreren Betrieben durch, um direkte Gespräche vorzubereiten.

Olga: Die Beschäftigten kennen uns, und wir kennen sie. Daher war es kein Problem, die Kolleginnen und Kollegen direkt anzusprechen. Das haben wir dann auch getan. Jede und jeden über mehrere Wochen: Wir gingen auf Bedenken und Verunsicherungen ein, ließen Freiheiten und kommunizierten offen, ehrlich, aber bestimmt: »Es gibt Arbeitnehmerrechte, die Arbeiterbewegung hat Erfolge erkämpft, der Kampf um mehr Lohn geht nur gemeinsam und mit der IG Metall. Nicht nur reden, sondern jetzt ins Handeln kommen, die Gewerkschaft braucht Stärke, also sei auch Du dabei.« Daraufhin traten viele der IG Metall bei. Im Sommer letzten Jahres bis zum Dezember spürte die Belegschaft: »Da passiert was. Wir wollen, dass es jetzt losgeht.«

Und dann ging es los. Was habt Ihr konkret gemacht?

Olga: Mit unserer Entschlossenheit und Solidarität untereinander machten wir uns auf den Weg. Wir informierten auf der Betriebsversammlung im Frühjahr 2018 über den Prozess, erhielten als Tarifkommission Rückendeckung aus der Belegschaft, die sich zahlreich an einer Buttonaktion beteiligte. Im April übergaben wir dem Arbeitgeber unsere Forderungen und begannen mit den ersten Gesprächen. Wir waren selbstbewusst und stark: Nur so konnten wir mehr Geld für die Kolleginnen und Kollegen herausholen. Außerdem gehen wir als Nächstes in die Verhandlungen über einen ERA-Tarifvertrag.

Ingo: Wir hatten einen Plan mit mehreren realistischen Eskalationsstufen, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dabei informierten wir die Belegschaft regelmäßig über die Zwischenstände in Form von Flugblättern in Pausenräumen und Schwarzen Brettern, mit E-Mails und in Whats- App-Gruppen.

Der Erfolg zeigt es. Was bleibt?

Ingo: Die Belegschaft wuchs weiter zusammen, das zeigte auch die hohe Beteiligung an der Betriebsratswahl im letzten Februar. Den aktiven Kolleginnen und Kollegen wurde ausdrücklich das Vertrauen ausgesprochen. Das war ein klares Bekenntnis und gibt Auftrieb für die Zukunft. Die First Sensor AG hat zwei weitere Standorte in Deutschland: einen weiteren in Berlin und einen in München. Ermutigt durch unseren Erfolg haben sich inzwischen auch die Kolleginnen und Kollegen in München organisiert bzw. befinden sich inzwischen ebenfalls in Tarifverhandlungen mit dem Arbeitgeber. In dem zweiten Berliner Betrieb hat der Organisationsprozess begonnen.