"Mitglieder einbinden, nah dran sein"

Im Gespräch mit Irene Schulz, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall

Tarifabschlüsse, die mehr Zeit für die Familie und mehr Geld für unsere Mitglieder bedeuten; erfolgreiche Betriebsratswahlen und ein kräftiger Zuwachs an neuen Mitgliedern: Wir waren in diesem Jahr spürbar erfolgreich, haben an den richtigen Stellschrauben gedreht. Irene Schulz, verantwortlich für den Mitglieder-und Erschließungsbereich und die Bildungsarbeit, spricht darüber, welche Chancen und Herausforderung uns in Zukunft begegnen.

Liebe Irene, aus den bezirklichen Erschließungsprojekten gibt es viele neue Impulse für die IG Metall. Die erste Projektphase ist abgeschlossen. Was läuft gut?

IRENE SCHULZ: Wir haben uns die Projekte genau angeschaut und schnell festgestellt, dass wir mit den bezirklichen Erschließungsprojekten auf dem richtigen Weg sind. Insgesamt stärken wir in vielen Betrieben die Mitbestimmung – oft gegen den rigorosen Widerstand der Arbeitgeber. Gemeinsam bauen wir engagierte Aktivenkreise auf und erstreiten faire Tarifverträge. Wir bauen Strukturen und Vertrauen auf und gewinnen Beschäftigte aus Unternehmen und Branchen, in denen wir bisher nicht oder zu wenig vertreten sind. Dabei verändern wir uns selbst, sind experimentierfreudiger, werden anschlussfähiger. Dazu gehört der Austausch, kollegiale Beratung und Qualifizierung. Unsere Erschließungsmethoden wie die 1 : 1-Kommunikationstrainings, kollektive Betriebsratssprechstunden, Betriebspläne, Blitze und Telefonaktionen sind aus unserer Erschließungsarbeit vor Ort nicht mehr wegzudenken. Rund 4500 ehren- und hauptamtliche Kolleginnen und Kollegen und fast alle Geschäftsstellen haben in den letzten drei Jahren unser Angebot der Kommunikationstrainings angenommen. In den meisten Fällen haben ganze Gremien, der Vertrauenskörper und/oder der Betriebsrat,teilgenommen und so sehr genau und betriebsspezifisch inhaltliche Schwerpunktthemen mit Kommunikation und Ansprache verbunden. Arbeitszeit war das Topthema in diesem Jahr. Im nächsten Jahr werden wir unsere Qualifizierungsangebote für ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen weiterentwickeln.

Das Mitgliederwachstum in diesem Jahr übertrifft die Erwartungen. Was ist der Grund?

IRENE SCHULZ: Ein treibender Motor war in diesem Jahr die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Der Beginn des Jahres war kalt und heiß zugleich: Warnstreiks bei Minusgraden und vor der Feuertonne, eine starke und solidarische Beteiligung in den Betrieben für eine Forderung, die den Nerv der Beschäftigten getroffen hat. Die erfolgreiche Umsetzung an den Standorten mit dem Ergebnis, dass sich 190 000 Beschäftigte für mehr Zeit entschieden haben. Auch im öffentlichen Diskurs sind wir als innovative, gestaltende und starke gesellschaftliche Kraft wahrgenommen worden. Das hat uns viel Zustimmung gebracht, unsere Reputation erhöht. Große Sympathie ist eine Voraussetzung, führt allerdings nicht automatisch zu mehr Eintritten. Entscheidend ist die persönliche Ansprache auf eine Mitgliedschaft. Wir haben schon vor dem Forderungsbeschluss die Beschäftigten beteiligt, haben unsere Mitglieder eingebunden, eine starke Kampagne durchgeführt und Anlässe geschaffen und genutzt, um Beschäftigte als Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen. Wir haben im Vorfeld mehr als 50 Wochenseminare zum Thema Arbeitszeit für Vertrauensleute und Betriebsräte on top angeboten, die alle ausgebucht waren. Das war eine große Anstrengung der Bildungszentren und regionalen Bildungsarbeit, die sich gelohnt hat.

Neben der Tarifrunde gibt es aber noch andere Gründe …

IRENE SCHULZ: … ja, ganz klar. Wir hatten harte betriebliche Auseinandersetzungen wie bei Halberg-Guss, Thyssen-Krupp, Siemens und Opel, um nur einige zu nennen. Hier waren es die Betriebsräte, unsere Vertrauensleute und aktive Metallerinnen und Metaller, die glaubwürdig um Lösungen gerungen und dabei Arbeitsplätze und ganze Standorte erhalten haben. In diesen Auseinandersetzungen wird besonders deutlich und erfahrbar, für welche Werte die IG Metall steht. Es wird besonders deutlich, warum es sich lohnt, Mitglied der IG Metall zu sein. Erfolgreich sind wir auch in diesem Jahr wieder bei Werkstudentinnen und -studenten und bei Ferienbeschäftigten. Hier sind unsere betrieblichen Kolleginnen und Kollegen sehr konsequent und erfolgreich in der Ansprache, und das Schöne ist, dass auch nach Beendigung der Tätigkeit im Betrieb ein sehr großer Teil Mitglied bleibt. Die anschließende Ansprache über unser Studierendenprojekt ist hier sehr wirksam. Besonders wichtig ist für uns die Gewinnung unserer Auszubildenden und dual Studierenden. Der deutliche Zuwachs an Mitgliedern zeigt, dass wir in den Betrieben viel stärker inhaltliche Schwerpunktthemen mit Beteiligung und Ansprache verbinden und Anlässe nutzen, um auf die Kolleginnen und Kollegen zuzugehen. »Der IG Metall ein Gesicht geben«, so heißt ja ein Projektangebot von uns, um die IG Metall in den Betrieben mit Öffentlichkeitsarbeit und konsequenter Kommunikation sichtbar und erfahrbar zumachen. Das gelingt uns immer besser. Die gute Entwicklung in diesem Jahr ist die starke Leistung unserer aktiven Metallerinnen und Metaller vor Ort, in den Betrieben. Viele gute Ideen und Beispiele stellen wir im Praxisnewsletter vor. Dafür ein herzliches Dankeschön an alle, die diese Projekte durch ihren Einsatz zu einem Erfolg gemacht haben und deren Erfolge wir hier vorstellen konnten.